Heute schon mal eine Weile nichts getan?

Alleine die Vorstellung sich hinzusetzen und eine kleine Weile, 5 Minuten, 10 Minuten oder gar 15 Minuten, schlicht NICHTS zu tun klingt in den Ohren viele Menschen geradezu aberwitzig. Es gibt so viele Aufgaben, Anforderungen von innen und außen und Ziele die zu erreichen sind. Und sich dann hinzusetzen und einfach nichts zu tun?

Wenn ich merke: „Ich tue nichts!“ dann ist das schon fast mit Erschrecken verbunden. Irgendwie fühle ich mich sogar schuldig einfach so untätig zu sein. Was ist mit meinen Zielen und Aufgaben die es zu erreichen gilt? Tue ich nichts, bin ich doch gar nicht „dran“ am Puls dessen, was um mich herum los ist.
Irgendwie wissen wir alle im Zeitalter eines boomenden Wellnessmarktes, dass wir Pausen brauchen. Ruhezeiten in denen wir uns körperlich und geistig erholen können. Aber selbst mit dieser allgemeinen Erkenntnis bleibt tief in mir ein unbehagliches Gefühl, wenn ich mich – vielleicht sogar mitten im Arbeitsalltag – zurückziehe und Entspannung suche.

Was ist das eigentlich: „Entspannung“?

Im Arbeitsalltag ist das vielleicht mit einer Tasse Kaffee in den Pausenraum gehen und ein kleines privates Schwätzchen halten oder abends dann mit einem guten Glas Wein einen schönen Krimi im TV schauen. Finde ich ganz prima und tue ich auch gerne. Aber für mich selber bezeichne ich das als Relaxen. Das Wörtchen Entspannung habe ich für etwas anderes reserviert. Denn Entspannung ist für mich die Fähigkeit mich auch dann in die Ruhe zu bringen, wenn die äußeren Umstände gerade alles andere als „Ruhe“ anzeigen.

Es geht also um eine Fähigkeit. Fähigkeiten sind Dinge, die wir können oder aber die wir erworben und erlernt haben. In der Entspannung gibt es tatsächlich Naturtalente. Menschen die einfach im größten Stress völlig ruhig bleiben und zügig und geregelt ihre Aufgaben erledigen können. Für uns alle anderen vermutlich 98% der Bevölkerung ist diese Fähigkeit etwas, das uns nicht die Wiege gelegt ist, sondern um die wir uns bemühen müssen. Die Fähigkeit zur Entspannung ist erlernbar. Wie ich finde eine durchaus tröstliche Nachricht. Denn wir können etwas tun um Entspannung zu lernen.

Die Mediziner haben übrigens noch ein anderes Konzept von Entspannung. Hier unterscheidet man vegetative, hirnelektrische und auf innere Reize (z.B. Dehnungsrezeptoren) reagierende Entspannungskomponenten. Also messbare Faktoren, an denen man Entspannung körperlich festmachen kann.

Was nützt denn „Entspannung“?

Hier ist die Liste, die ein Mediziner aufstellen würde, lang. Entspannung wird als Therapie gegen Bluthochdruck, koronare Herzerkrankungen, Asthma, Schmerzen, sexuelle Funktionsstörungen und viele andere körperliche Probleme eingesetzt. Bei psychischen Problemen sind es z.B. Angststörungen, leichte bis mittelgradige depressive Störungen und allgemeine stressbedingte Probleme.

Die Entspannungspädagogen nutzen die erlernte Entspannung vor allem zu einem Zweck: In die Ruhe führen. Und dann wird es spannend!

Wohl jeder Mensch kennt diese Tage. Vielleicht zu spät aufgestanden, Kaffeetasse umgestürzt, über die ganze Hektik Unterlagen liegen gelassen, die Nerven bis zum Zerreißen gespannt … so ein unentspannter Tag ist in aller Regeln schon von Anfang an einer, den man abhaken kann.

An anderen Tagen ruht man in sich selber. Selbst wenn die Kaffeetasse vielleicht umfällt, wischt man die Sauerei weg und und gut ist. Man kommt erst gar nicht in die Hektik und an diesem Tag bleiben vermutlich auch die Unterlagen nicht liegen. Es gibt an diesen Tagen einfach mehr Gelassenheit, die Arbeit geht flott und unaufgeregt von der Hand und irgendwie ist alles erfolgreicher.

Der gestresste unruhige Geist reagiert auf alles, was ihm begegnet. Das – und wer hätte das nicht in der einen oder anderen Weise – Chaos rundherum macht ihn noch unruhiger. Er kann sich von den Dingen die ihn ärgern und zusetzen nicht lösen. Der unruhige Geist ist irgendwo gefangen in den Dingen.

Der ruhige und entspannte Geist beschäftigt sich weniger mit dem Chaos rundherum, sondern kann sich mit Aufmerksamkeit den Dingen widmen. Das kann er, weil der entspannte Geist Im Gegensatz zum unruhigen Geist nicht so abhängig von den Dingen ist, die ihn umgeben. Der entspannte Geist ist ein freier Geist.
Für berufliche Tätigkeiten gilt das genau so wie für die Beschäftigung mit einem Gesprächspartner oder privaten Aktivitäten. Entspannung wirkt also bei weitem nicht nur körperlich, sondern darüber hinaus auf alle Bereiche des Lebens.

Wie komme ich in die Entspannung?

Wenn man nicht zu den vielleicht zwei Prozent „naturentspannten“ Menschen gehört, kommt man vor allem durch das aktive Bemühen, Lernen und Trainieren zur Fähigkeit des Entspannens. Und hier sind die Möglichkeiten weit gefächert.

Medizinisch gut untersucht und in ihrer Wirkung für bestimmte Anwendungsgebiete gut bekannt sind z.B. autogenes Training, Meditationsverfahren und die progressive Muskelentspannung. Solche Methoden kann man gut lernen. Es fällt aber vielen Menschen schwer, diese Dinge in das tägliche Leben zu integrieren. Dann sind Systeme, die mehr als nur eine einzige Methode einüben oft sinnvoller. Yoga, Tai Chi, ZEN-Meditation wären solche umfassenderen Systeme, die zwar aus dem Osten kommen, aber immer häufiger auch in für Westler praktizierbaren Formen zu finden sind.

Die medizinische Forschung lehrt, dass sich die zugrunde liegenden Grundlagen, die Wirkungen auf Körper und Geist, in allen Methoden mehr oder weniger entsprechen. Diese Erkenntnis schenkt uns die Freiheit, die Methode oder das System zu erlernen, das am besten zu einem passt. So wird der spirituell veranlagte Mensch vielleicht eher mit einer buddhistischen Meditationsmethode tibetanischer Prägung glücklich und der praktisch / nüchterne Mensch wird seine Entspannungsmethode eher im Autogenen Training oder in der strengen puristischen Sitzmeditation finden und jemand mit einem  hohen Bedürfnis nach Bewegung eher in einer fordernden Form des Hatha-Yoga.

Entscheidend ist es, eine Methode zu wählen die zu einem passt und die einem das regelmäßige Praktizieren oder Üben erleichtert.

Dann klappt es auch mit der Entspannung. Und Entspannung macht frei! So frei, dass einem 15 Minuten Meditation nicht als unnützes Nichtstun vorkommen, sondern als Grundlage eines gesunden, aktiven, erfolgreichen, freien und selbst bestimmten Lebens.

(Dies ist ein älterer Text von mir, den ich aus aktuellem Anlass und hier für einen bestimmten Menschen online stelle. Vielleicht ist er auch Anregung für den einen oder anderen.)